100 mal Reisefrust

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100 mal reisefrustEigentlich möchte ich hier nur über schöne Reisen schreiben. Leider hat der Beruf eines Reisejournalisten aber auch hässliche Seiten. Und damit meine ich nicht ausgefallene Flüge, verwanzte Hotelbetten oder launisches Servicepersonal. Damit kann ich ganz gut leben. Womit ich nicht gut leben kann, sind die vielen schwarzen Schafe, die sich in meinem Metier tummeln.

Ich schreibe seit Jahren für ein Reisemagazin mit dem Namen “33 mal Reiselust”. Oder besser: ich schrieb. Denn dieses Magazin hat mich für viele meiner Artikel, die ich geliefert habe und die auf hübschem bunten Papier abgedruckt wurden, nicht bezahlt. Also arbeite ich fortan nicht mehr für das Blatt. Dumm gelaufen, aber das passiert halt, wenn man frei arbeitet. Richtig, das passiert. Bei “33 mal Reiselust” ist es aber nicht nur mir passiert, sondern etlichen anderen Kollegen. Auch sie warten seit Monaten, teilweise seit Jahren, auf ihr Honorar.

Der Fall einer Kollegin ging bereits durch die Presse, er ist in der Juli-Ausgabe der DJV-Zeitschrift “Journalist” dokumentiert. Für die Kollegin geht’s um knapp 1000 Euro, für meine Frau, die ebenfalls für den “Reiselust”-Laden arbeitete , um 4000 Euro, für mich geht’s um 8000 Euro – plus Zinsen, Mahn- und Verfahrenskosten. Denn wie die Kollegin habe ich längst den Anwalt eingeschaltet, um meine Interessen zu wahren. Zahlungsverbot, Gerichtsvollzieher, das volle Programm. Auch die Kollegin schickte einen Gerichtsvollzieher beim “Reiselust”-Verlag BollerWerk vorbei. Er kam mit leeren Händen zurück: nichts zu holen. Der Verlag ist also vermutlich pleite, es besteht außerdem der Verdacht der Insolvenzverschleppung. Meint jedenfalls mein Anwalt.

Herausgeber Michael Graul und Chefredakteur Raimond Ahlborn äußern sich zu dem Vorgang nicht, sie sind, sage ich mal, abgetaucht. Ob ich jemals mein Geld bekomme, steht in den Sternen. Aber ich will hier nicht jammern, es geht um etwas anderes. Es geht darum, dass den Verantwortlichen das Handwerk gelegt wird. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

“33 mal Reiselust” erschien bis 2011 im Hamburger Me2 Verlag. Verleger und Chefredakteur in Personalunion: Raimond Ahlborn. Ende 2011 geriet der Verlag offensichtlich in wirtschaftliche Schieflage, ab 2012 erschien das Heft dann im Verlag BollerWerk, ebenfalls Hamburg. Als Verleger fungierte Michael Graul, Chefredakteur blieb Ahlborn. Graul versprach, die bis dahin aufgelaufenen Honorarforderungen zu übernehmen und bezahlte auch tatsächlich einige Geschichten, die ich 2011 geliefert hatte.

Seitdem blieben die Überweisungen aber aus. Trotz stets wiederholter Versprechen, demnächst die eine oder andere Rechnung zu begleichen, wie zuletzt noch bei der ITB im März 2013. Das Geld kam nie – weil nun wohl auch der Verlag BollerWerk offensichtlich pleite ist – wie zuvor der Me2 Verlag. Dennoch erscheint “33 mal Reiselust” weiter. Jetzt heißt der Verlag Me2 Verlag R. Ahlborn UG, als Herausgeber sind im Impressum die Herren Ahlborn und Graul aufgeführt. Die Geschichte der “Reiselust” ist also ein hässliches Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Ist der eine Verlag zahlungsunfähig, übernimmt einfach der Verlag des Kumpanen. Ein Unding.

Und noch etwas macht die Causa “Reiselust” unappetitlich. Schon seit einiger Zeit gehören bezahlte Geschichten, also Advertotials, zum Geschäftsmodell des Magazins. Das mag man fragwürdig oder verwerflich finden, bezahlte Geschichten nach dem Motto “schreib eine schöne Geschichte über unser Hotel, wir zahlen dafür” sind in der Branche aber üblich.

Auch bekannte Reisemagazine aus renommierten Verlagshäusern arbeiten so. Sie lassen sich dafür bezahlen, dass sie über bestimmte Regionen, Länder oder Hotels berichten. Meist lassen sich die Herrschaften auf Kosten der Tourismusbetriebe auch noch zu einer Recherchereise einladen – schließlich soll die Geschichte ja “authentisch” wirken. Ob die Rechnung letztlich für die Kunden aus der Tourismusbranche aufgeht, weiß ich nicht. Im Falle der “Reiselust” muss ich das sehr stark bezweifeln.

Das Heft ist nicht IVW-geprüft, die Reichweite unbekannt. Früher warb “Reiselust” mit einer angeblichen Auflage von 60 000 Stück um neue Anzeigen- und Advertorial-Kunden. Später waren es dann 30 000. Ich habe diese Zahlen immer bezweifelt. Recherchen eines Kollegen beim “Reiselust”-Vertrieb haben jedenfalls ergeben, dass der Verlag zuletzt offenbar zu wenig Hefte lieferte, um den Handel im geplanten Umfang zu bedienen.

Es steht zu vermuten, dass der Verlag wesentlich weniger Hefte drucken lässt, als vollmundig angekündigt. Das stellt die Wirksamkeit eines Advertorials natürlich infrage. Wenn ich als Hotel oder Region viel Geld für einen Artikel ausgebe, will ich dafür einen Effekt. Nämlich den, dass möglichst viele Leser auf mein Angebot aufmerksam werden und im besten Fall sogar bei mir Urlaub machen. Aber wo keine Leser, keine Buchung…

Mit der neuesten Ausgabe hat “33 mal Reiselust” sein Geschäftsmodell Angaben aus Redaktionskreisen zufolge noch mal präzisiert. Jetzt kommen offenbar nur noch bezahlte Geschichten ins Heft. Was sonst soll dem klammen Verlag auch Geld bringen. Anzeigen gibt es so gut wie keine im Heft, der Vertriebserlös dürfte mangels Auflage gering ausfallen. Er hatte ja schon bisher nicht gereicht, den jeweiligen Verlag über Wasser zu halten.

Wer unter diesen Umständen noch mit den beiden feinen Herren und ihrem bunten Heft zusammenarbeiten will, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Es sei denn, er arbeitet gerne umsonst oder er möchte sein Geld zum Fenster hinauswerfen.

Update: Am 1. August 2013 meldete die BollerWerk GmbH beim Amtsgericht Hamburg Insolvenz an (AZ 67a IN 271/13). Die Gläubigerversammlung ist für den 1.11.2013 angesetzt.
Bereits am 21.2.2013 erwirkte die Druckerei einen Pfändungsbeschluss gegen das Konto des Verlags. Noch im März sicherte Michael Graul die Begleichung meiner offenen Forderungen zu – offensichtlich im Wissen, dass dazu keine Barmittel vorhanden sind. Auch de redaktionellen Arbeiten an der aktuellen Reiselust-Nummer wurden fortgesetzt, als sei nicht geschehen. Ich bin kein Jurist, aber wie nennt man das wohl? Mir fällt dazu ein Wort mit B ein.

Update 7.11.: Der Bericht des Insolvenzverwalters auf der Gläubigerversammlung am 1. November hat Klarheit über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Boller Werk GmbH geschaffen. Es bestehen Verbindlichkeiten in Höhe von über 340 000 Euro, dem stehen Vermögenswerte von knapp 8000 Euro gegenüber. Allein im Jahr 2012 hat der Verlag einen Fehlbetrag von über 138 000 Euro “erwirtschaftet”, bei Umsatzerlösen von etwa 190 000 Euro. Bis Juli 2013 hat er dennoch weitergearbeitet – obwohl längst klar war, dass der Verlag zahlungsunfähig ist. Mittlerweile ermittelte die Staatsanwaltschaft Hamburg. Es besteht Verdacht auf Betrug und Insolvenzverschleppung.
Am 7. November 2013 erschien dennoch die neue Ausgabe der “Reiselust”. Diesmal im Verlag Raimond Ahlborn UG. Herausgeber: Raimond Ahlborn und Michael Graul. Mich würde mal interessieren, mit welchem Geld das neue Heft entstanden ist. Und wer noch immer bereit ist, mit diesen Herren zusammenzuarbeiten.

Update 17.2.14: Das Heftchen firmiert jetzt unter dem Titel “Die neue Reiselust”. Dahinter stehen immer noch die selben feinen Herrn, das Konzept scheint ebenfalls unverändert. Der Name “33mal Reiselust” ist wohl verbrannt in der Branche. Ob die Umwidmung in “neue Reiselust” hilft? Alter Wein in denselben löchrigen Schläuchen, wie es scheint.
Verleger Ahlborn hat dem Objekt zumindest einen neuen Online-Auftritt gegönnt. Mit welchem Geld? Zu welchem Zweck? Das nächste Heft ist jedenfalls auf der Site nicht angekündigt. Dafür gibt es dort dieselben alten Reportagen zu lesen. Auch Geschichten von mir, die weder bezahlt sind noch für die Online-Verwertung von mir autorisiert wurden. Demnächst gibt es auch in dieser Sache ein juristisches Nachspiel. Die Klage läuft.

Update 14.4.14: Der Journalist beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe erneut mit dem Thema “33 mal Reiselust”. Chefredakteur Ahlborn macht – wie bekannt – mit der “Neuen Reislust” weiter. Und gibt sich unerschütterlich: ”Grundsätzlich wird das Heft wesentlich werblicher auf den Markt kommen – egal ob es der ethisch reinen Journalistengemeinde nun gefällt oder nicht.” Soll das etwa heißen, Ahlborn pfeift auf Ethik? Das wäre ja nix Neues. Dann nimmt er es vielleicht auch nicht so genau mit der Zahlungsmoral, wenn es darum geht, die Honorare an seine Autoren zu überweisen.  Was er mit “wesentlich werblicher” meint? Vermutlich füllt er sein Heft nun ausschließlich mit Advertorials, bezahlten Inhalten also. Wie sind mal gespannt, ob er sie auch als solche kenntlich macht … Andernfalls könnte er sich schnell mal ein par Abmahnungen von der Konkurrenz einfangen.

2 commenti su “100 mal Reisefrust

  1. Das Geschäftsgebaren dieses Verlags wundert mich gar nicht, es gibt insbesondere in den Reise-Ressorts viele schwarze Schafe. Offenbar hat man erwartet, dass sie die Geschichten kostenlos liefern – schließlich “verdanken” Sie die Reise ja einer Presseeinladung – und die haben Sie bekommen, weil Sie für “33mal Reislelust” schreiben – und so schließt sich leider der Kreis. Es sei denn, Sie gehören tatsächlich zu den raren Exemplaren, die ihre Fahrten aus eigener Tasche zahlen. Sie werden übrigens immer noch als Autor auf der Verlags-Website geführt – schon bemerkt?

  2. Ja, es gibt Redaktionen, die sich kostenlos mit Texten von Kollegen beliefern lassen. Und ich verstehe die Kollegen auch nicht, die sich darauf einlassen. Okay, die wollen ihre Kontakte in Agenturen und Organisationen zufriedenstellen. Und beim nächsten Mal wieder eingeladen werden. Aber in diesem Fall gab’s eine klare Abmachung, nämlich ein fixes Honorar. Und nein: Zu den raren Exemplaren, die ihre reisen selber zahlen (außer, ich bin privat unterwegs), gehöre ich nicht. Das würde auch nicht funktionieren. Als Freelancer hat man so gut wie keine Chance, den Aufwand jemals wieder zurückzubekommen.

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