Dieses Jahr zur ITB? Ach, nee!

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Die weltgrößte Reisemesse: ein Jahrmarkt

Die weltgrößte Reisemesse: ein Jahrmarkt.

In der kommenden Woche öffnet die weltgrößte Reisemesse wieder ihre Pforten. Touristiker, Experten, Einkäufer, Journalisten, Blogger und urlaubsreife Normalbürger strömen wieder zu Zehntausenden in die Hallen unterm Berliner Funkturm. Die offizielle ITB-Bilanz für das letzte Jahr klingt beeindruckend: 10.086 Aussteller aus 188 Ländern, rund 110.000 Fachbesucher, 60.000 Privatbesucher und dazu noch über 100 Minister und Staatssekretäre, die irgendetwas mit Tourismus zu tun haben, tummelten sich 2013 auf der Berliner Messe. Wow!

Meine persönliche Bilanz fällt allerdings etwas anders aus. Auf diesem Jahrmarkt zwischen Folklore und Business ist es nämlich gar nicht so leicht, sich als Reisejournalist mit Informationen, Ideen und Kontakten aufzuladen. Informative, interessante Gespräche mit Touristikern, ob vom Fremdenverkehrsamt, einem Reiseveranstalter, einem Hotel oder einer Agentur? Schwierig. Kaum jemand nimmt sich Zeit, denn er hat sie nicht – der nächste Kollege oder Einkäufer oder ein megawichtiger Chefredakteur warten schon.

An etlichen Ständen gibt’s auch gar keine Ansprechpartner für die Presse – oder er oder sie ist gerade nicht am Platz. Oder, auch die Variante habe ich erlebt, ausgerechnet bei einem dieser krisengeschüttelten Mittelmeerländer, die eigentlich vom Tourismus leben: Konkrete Fragen und Anliegen – Recherche für einen Artikel – werden lustlos beantwortet. Am Ende gibt’s eine nichtssagende Mappe in die Hand und Schluss.

Einladung zu offiziellen Präsentationen und Pressekonferenzen? Auch zwiespältig. Diese Veranstaltungen werden offenbar immer noch gerne zur eitlen Selbstdarstellung genutzt. Da ist dann der Landeshauptmann oder Minister Dr. Soundso zugegen, referiert einige Zahlen und erzählt ein paar Anekdoten aus seinem Leben und dass seine Region natürlich perfekt auf die Bedürfnisse von Touristen eingestellt sei. Das Geschäft liefe sowieso hervorragend und für dieses Jahr würden noch bessere Zahlen erwartet. Thema verfehlt, ich bin gelangweilt.

Dann hetzt du frustriert zum nächsten Termin. Dafür bauchst du aber auf dem Riesengelände mit seinen zwei Dutzend Hallen schon mal 20 Minuten. Beim Termin angekommen, stellst du fest, die Leute, aus Fernost angereist, um ihre schöne Stadt zu verkaufen, verteilen nur ein Glas Sekt, lassen auf dem Monitor an ihrem Stand ein buntes Image-Filmchen laufen und das war’s.

Neue Ideen für schöne Geschichten? Einladung zu vielversprechenden Reisen? Angebote zu spannenden Kooperationen? Gab es, ja. Aber so wenige, dass der Aufwand einer dreitägigen Weltreise durch die Berliner ITB-Hallen kaum gerechtfertigt scheint.

Und als schlechten Running Gag gab es an jedem zweiten Stand, bei jeder zweiten PK das wohl am meisten missbrauchte und überschätzte Wort dieser Branche zu hören: Nachhaltigkeit. Ob Hotel, Airline oder Destination: Alle wollen plötzlich nachhaltig sein. Man schwört auf regionale Produkte, eine saubere Energiebilanz, einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen. Kann Tourismus wirklich nachhaltig sein in des Wortes tieferem Sinn? Ein klares Nein.

Ehrenvoll, wenn das 5-Sterne-Malediven-Hotel Solarstrom produziert oder nur Fisch aus ökologisch korrektem Fang serviert, aber das macht eine Fernreise an den Indischen Ozean noch lange nicht nachhaltig. Aber es wird ungeheuer nachhaltig drüber geredet.

Seit Wochen trudeln nun schon Einladungen zur ITB 2014 ins Haus. Was da so alles angekündigt und beworben wird, hat mich bis jetzt nicht dazu animiert, auch dieses Jahr wieder zur ITB zu fahren. Den Vogel dabei hat bisher Thomas Cook abgeschossen. Der Reisekonzern, zu dem Marken wie Neckermann Reisen und Öger Tours gehören, ist natürlich auch mit einem großen Stand auf der ITB vertreten und lädt Journalisten zu Gesprächen ein.

“Wie haben einige spannende Themen”, heißt es da in der Einladung. Die “Digitalisierung des Urlaubs” steht für Thoms Cook dabei offenbar ganz oben auf der Liste. Klar, dass ist interessant für jedes Unternehmen, das Reisen verkaufen will. Aber ist das auch ein spannendes Thema für Reisejournalisten? Soll ich demnächst schreiben über “personalisierte digitalisierte Reiseunterlagen”, den “multimedialen Austausch mit der Reiseleitung” oder das neue Hotelkonzept Sunconnect – über Hotels, in denen WLAN im gesamten Haus kostenlos ist und die Gäste sich via hoteleigener Online-Plattform untereinander verbinden können? Dröge Technik, so sexy wie ein Laternenpfahl in der Sackgasse – und ganz gewiss kein Thema für Reiseseiten von Tageszeitungen oder Magazinen.

Ach, und Nachhaltigkeit scheint auch 2014 auf der ITB ein großes Thema zu sein. Thomas Cook etwa bietet jetzt “auf Nachhaltigkeit geprüfte Ausflüge” an und hat bereits 40 Touren in 23 Zielgebieten mit dem “Locally Label” ausgezeichnet.

Wirklich nachhaltiges Interesse am Produkt Reise wird so bei mir jedenfalls nicht geweckt. ITB 2014 – ohne mich.

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