Hamburg-Tourismus: Musical und Kreuzfahrten – und sonst?

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Die "Queen Mary 2" am Cruise Center in der Hamburger HafenCity

Die “Queen Mary 2″ am Cruise Center in der Hamburger HafenCity

Noch vor etwa zehn Jahren lag Hamburg im touristischen Dornröschenschlaf. Wer einen Städteurlaub in Deutschland machen wollte, fuhr nach Berlin, München oder Heidelberg. Heute ist das ganz anders: Hamburg stellt Jahr für Jahr neue Tourismus-Rekorde auf. 2013 verzeichnete die Hansestadt 11,6 Mio. Übernachtungen, eine Steigerung von 9,1 Prozent gegenüber 2012. Damit liegt Hamburg auf Rang zehn der beliebtesten Städte in Europa und rangiert in Deutschland nur noch knapp hinter München.

In der Hochsaison verkehren die roten doppelstöckigen Sightseeing-Busse beinahe im Minutentakt zwischen  Hauptbahnhof, Hafen und Außenalster. Scharen von Touristen klappern mit ihren Rollkoffern durch die Straßen der Innenstadt auf der Suche nach ihrem Hotel. Bei Events wie dem Hafengeburtstag oder dem Alstervergnügen drängen sich Hunderttausende Besucher zwischen Elbe und Alster.

"Der König der Löwen" im Hamburger Hafen

“Der König der Löwen” im Hamburger Hafen

Hamburg ist beliebt wie nie – und mittelfristig sind die Aussichten prächtig. Diesen Erfolg hat die Stadt zwei Faktoren zu verdanken: der anhaltenden Musical-Begeisterung ihrer Besucher und dem boomenden Kreuzfahrtgeschäft. In diesem  Herbst eröffnet mit dem “Theater an der Elbe” die vierte große Musicalspielstätte in Hamburg ihre Pforten. Eine Singspiel-Fassung des Kinofilms “Das Wunder von Bern” soll dann weitere 1850 Besucher pro Vorstellung in den Hafen locken. 2015 eröffnet ein weiteres Musicaltheater – in den ehemaligen Großmarkthallen, ebenfalls am Elbufer. Und schon heute ist Hamburg, nach New York und London, der drittgrößte Musical-Standort der Welt.

Ähnlich rasant entwickelt sich das Geschäft mit den Kreuzfahrt-Touristen. Im Plan für 2014 stehen 190 Schiffsanläufe mit rund 600.000 Passagieren – in keinem deutschen Hafen gibt es mehr Kreuzfahrt. Beim Hafengeburtstag im Mai und bei den Cruise Days im August sind bis zu einem Dutzend Schiffe gleichzeitig im Hafen zu erleben.

Der Verkehr wird bis jetzt noch an zwei Terminals abgewickelt. Aber deren Kapazität ist erschöpft. Deshalb entsteht bis 2015 ein drittes Terminal, auf der Südseite der Elbe in Steinwerder – unweit der beiden Musicaltheater. Das Terminal in der HafenCity, bis jetzt noch ein Provisorium, wird erweitert. Ende dieses Jahrzehnts, so sagen es Experten voraus, dürften dann eine Million Kreuzfahrt-Passagiere pro Jahr in Hamburg ein- oder aussteigen.

Die Hotels der Hansestadt haben eine Belegungsquote von fast 80 Prozent – das ist ein Topwert. 2014 entstehen neue Herbergen in der Stadt mit insgesamt rund 3200 Betten. Die Betreiber dürften kein Problem haben, ihre Zimmer zu füllen. Die Aussichten für den Hamburg-Tourismus sind also hervorragend. Auf den ersten Blick. Denn die aktuelle Dynamik verdeckt die Probleme und Schwächen der Hamburger Tourismusbranche.

1. Die Stadt verlässt sich fast ausschließlich auf zwei Themen: Musical und Kreuzfahrt. Sie begibt sich damit in die Abhängigkeit von wenigen Großveranstaltern hängt an der Konjunktur von zwei Nischenmärkten.

2. Wachsende Besucherzahlen sind kein Wert an sich. Was machen die Millionen Gäste in der Stadt, wenn sie aus dem Theater kommen oder von Bord gehen? Und was machen die, die weder ins Musical noch aufs Kreuzfahrtschiff wollen?

Hamburg ist arm an traditionellen Sehenswürdigkeiten. Andere Städte haben ihre Schlösser, Burgen, Paläste, historischen Bauwerke oder Altstädte von Weltrang, eine lebendige Kunst- oder Kulturszene. Hamburg hat all dies nicht – oder nur in sehr beschränkter Zahl. Hamburg setzt dem Events entgegen, große Sportveranstaltungen wie Marathon, Radrennen , Triathlon, Volksfeste wie Dom, Hafengeburtstag oder Cruise Days. Aber die Möglichkeiten, diese Massenveranstaltungen mit bis zu jeweils 1,5 Mio. Besuchern noch weiter auszubauen, sind beschränkt. Oder besser: Die Grenze ist erreicht. Schon jetzt platzen die Veranstaltungsflächen in der City und am Hafen aus allen Nähten, ist der Terminkalender dicht gedrängt. Mehr geht nicht – auch aus Rücksicht auf die Anwohner.

Die Seilbahn über die Elbe – laut Hamburger Abendblatt "rückt sie näher"

Die Seilbahn über die Elbe – laut Hamburger Abendblatt “rückt sie näher”

Hamburg muss also die Entwicklung neuer “Attraktionen ” vorantreiben, will es nicht in einigen Jahren den Anschluss verlieren oder seine Besucher mit Musicals und Musikdampfern langweilen. Aber das ist in der Stadt ein langwieriges Geschäft, wie die aktuelle Diskussion um eine Seilbahn zeigt, die quer über die Elbe gespannt werden und die beiden Elbufer miteinander verbinden soll.

Schon im vergangenen Jahr, zur gefloppten internationalen Garten- und Bauaustellung, sollte sie fertig sein. Bis heute wird aber nur drüber geredet. Die Politik ziert sich, die öffentliche Meinung ist gespalten, einige Meinungsmacher glauben gar, Seilbahnen gehörten in die Berge, aber nicht in eine Stadt. Dabei stünde ein Konsortium aus Seilbahn-Unternehmen und Musicaltheater bereit, die Anlage zu finanzieren und wenigstens zehn Jahre lang auch zu betreiben. Kosten: null Euro für die Stadt.

Ob die Seilbahn nun kommt oder nicht – an ihr wird die touristische Zukunft der Stadt keinesfalls hängen. Wichtiger sind andere Projekte. Projekte, die schon ewig hin- und herschoben werden, an denen endlos gebaut wird oder die noch nicht einmal auf dem Schirm der Entscheider angekommen sind.

Die Belebung der Innenstadt ist so ein Thema. In der City herrscht nach Ladenschluss tote Hose, daran hat auch der Tourismusboom wenig ändern können. Die Plätze, Arkaden und Passagen, hervorragend gelegen und architektonisch sehr attraktiv, veröden nach 20 Uhr. Den Besuchern bleiben dann nur noch eine Handvoll Bars und Restaurants, halbdunkle Straßen und nicht einmal ein Kinosaal. Das schönste Kino der Stadt, das Streits am Jungfernstieg, existiert nicht mehr. An dessen Stelle entstehen jetzt Läden und Büros. Erraten: Wieder eine Adresse, an der nach 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Sollen die Touristen gen Abend alle auf die Reeperbahn gehen? Eher nicht. Das (ehemalige) Rotlichtviertel spricht vor allem die Zielgruppe der 18- bis 25-Jährigen an. Für den durchschnittlichen Hamburg-Besucher, der deutlich älter ist, bietet St. Pauli nur wenig. Ein bisschen Stand-up-Comedy, Boulevardtheater, die eine oder andere Kneipe.

Hamburg ist eine grüne Stadt mit vielen Parkanlagen, Gärten, Alleen und sogar recht großen Landwirtschaftsflächen. Aber werden die touristisch vermarktet? Kaum ein Besucher stößt bis in den Jenischpark an der Elbchaussee vor, in die niederländisch anmutende Idylle der Vier- und Marschlande oder bis in den historischen Stadtpark im Herzen der Stadt.

Den Hafen, Hamburg ganzer Stolz und Keimzelle seines Wohlstands bis heute, erleben die allermeisten Touristen nur aus der Perspektive einer einstündigen (und sündteuren) Hafenrundfahrt. Dabei gibt es für viele Besucher nichts Spannenderes, als einmal hinter die Kulissen dieses Riesenbetriebs gucken zu dürfen, einen Blick auf die Kaianlagen, Speicher und Schiffe werfen zu können. Der Hafen ist frei zugänglich für jedermann – nur eben nicht erschlossen.

Ein einsames kleines Hafenmuseum fristet auf der Südseite der Elbe ein fast unbeachtetes Dasein mit etwa 10.000 Besuchern pro Jahr. Das Museum ist weder fertig ausgedacht noch wird es beworben, dabei liegt es nur wenige Hundert Meter vom “König der Löwen” entfernt. Die Handelskammer Hamburg hat hat schon Jahren vorgeschlagen, das Areal in ein Deutsches Hafenmuseum zu verwandeln. Dafür gäbe es keinen besseren Standort – aber passiert ist bis jetzt nichts.

München hat die Alpen, Hamburg die Ostsee. Aber kaum ein Besucher weiß, dass die Strände an der Lübecker Bucht nur gut 45 Minuten von der Hamburger Innenstadt entfernt liegen. Vormittags Strandurlaub, nachmittags Shopping in der City und abends Theater am Hafen – das wäre also kein Problem. Das Problem ist die Kleinstaaterei, also die mangelnde gemeinsame Vermarktung der Destination Hamburg und der umliegenden Regionen in anderen Bundesländern.

Höchste Zeit, dass die Elbphilharmonie endlich fertig wird. Mit dem neuen Glitzerpalast in der HafenCity hat Hamburg dann endlich die ersehnte international konkurrenzfähige Sehenswürdigkeit, über die andere Städte in Europa schon seit Jahrhunderten verfügen. Irgendwann im Laufe des Jahres 2017 wird es soweit sein. Ob zum Gucken, Shoppen, Hotelaufenthalt oder Konzertbesuch – die Massen werden strömen. Und in spätestens zehn Jahren wird auch niemand mehr von den grotesken Planungsfehlern und Kostensteigerungen dieses Jahrhundertbauwerks reden.

Ob dann allerdings noch die Themen Musical und Kreuzfahrt für Begeisterung sorgen, bleibt abzuwarten.

Fotos: medienserver.hamburg.de, W. Hackbarth, Stage Entertainment; Screenshot Hamburger Abendblatt 21.3.2014

 

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