Herbst auf Hiddensee

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Das Wahrzeichen von Hiddensee: Der Leuchtturm am Dornbusch / Thomas Meins

Das Wahrzeichen von Hiddensee: Der Leuchtturm am Dornbusch / Thomas Meins

Neulich auf Hiddensee. Am Hafen von Vitte weht ein kräftiger Wind, ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken. Es ist kühl, aber trocken – ein recht angenehmes Wetter für einen Herbsturlaub an der Ostsee. Kurdirektor Alfred C. Langemeyer präsentiert einer Gruppe von Journalisten das neue Hafengebäude, ein schmuckes weißes Häuschen direkt am Kai. Unten im Haus ist die Tourist-Info untergebracht, im ersten Stock können sich Gäste-Kinder unter professioneller Betreuung bei Spiel- und Bastelstunden austoben.

Der Kirchweg in Kloster – das Zentrum des kulturellen Lebens auf Hiddensee / Thomas Meins

Der Kirchweg in Kloster – das Zentrum des kulturellen Lebens auf Hiddensee / Thomas Meins

Hiddensee setzt verstärkt auf Familienurlauber, auch außerhalb der Saison. Seit einigen Monaten trägt Hiddensee das Qualitätssiegel “Familienurlaub Mecklenburg-Vorpommern“. Langemeyer erklärt die Vorzüge seiner Insel. Dabei sagt er erstmal, was Hiddensee nicht ist: nämlich eine Luxusinsel. “Hiddensee ist die Antithese zu Sylt”, verkündet der Kurdirektor. Damit meint er zunächst mal: Hiddensee hat keine Luxushotels, keine Edelboutiquen, keine Nachtclubs, keine Sterneköche. Und da die Insel autofrei ist, donnern auch keine SUVs über die engen Straßen.

Den 15 Kilometer langen Strand hast du im Herbst fast für dich alleine / Thomas Meins

Den 15 Kilometer langen Strand hast du im Herbst fast für dich alleine / Thomas Meins

Aber das reicht natürlich nicht, um Gäste auf die Insel zu locken. Was sind also die Angebote, die Hiddensee seinen Gästen macht? Warum sollten Familien und andere Urlaub auf Rügens kleiner Schwester machen, zwischen Boddenküste und Ostseestrand? Auf den ersten Blick ist die Frage schnell beantwortet, und auch Langemeyer lässt die typischen Stichworte fallen. Auf der Insel gingen die Uhren noch anders. Alles sei entspannt und ungezwungen, auch prominente Gäste würden den unkomplizierten und etwas rauen Charme der Insel genießen.

Ein Klassiker: Das Gerhart-Hauptmann-Haus in Kloster / Thomas Meins

Ein Klassiker: Das Gerhart-Hauptmann-Haus in Kloster / Thomas Meins

Damit spielt Langemeyer auf zwei Dinge an, für die Hiddensee berühmt ist: die Tradition als Künstlerinsel und ihre weitgehend ursprüngliche Natur. Die glorreiche Vergangenheit und die grandiose Natur sind in der Tat zwei starke Argumente für Hiddensee – aber ein bisschen steckt die Insel damit auch in der touristischen Sackgasse. Die Tage, in denen Gerhart Hauptmann in seinem Sommerhaus in Kloster Hof hielt, Diven wie Asta Nielsen ihren Urlaub in Vitte verbrachten oder Thomas Mann und Billy Wilder vorbeischauten, sind lange vorbei.

Gegenverkehr: Das beliebteste Verkehrsmittel auf Hiddensee ist die Pferdekutsche / Thomas Meins

Gegenverkehr: Das beliebteste Verkehrsmittel auf Hiddensee ist die Pferdekutsche / Thomas Meins

Was bleibt, sind viele Anekdoten und ein paar Häuser. Das Hauptmann-Haus ist kulturelles Zentrum der Insel, mit Lesungen, Ausstellungen und Weinverkauf. Fans können sich hier Wein von den Lagen besorgen, die der Literaturnobelpreisträger einst flaschenweise leerte. Es gibt Ringelnatz-Spaziergänge, literarische Wanderungen, Figurentheater in der Seebühne, Tanzkurse im Geiste Gret Paluccas und vieles mehr an kulturellen Angeboten. Zur Positionierung von Hiddensee als Ziel für den Familienurlaub passt das alles nur bedingt. Das wäre aber auch nicht weiter schlimm, wenn es nur um die Sommerferien ginge.

Herbststimmung auf Hiddensee: Blick vom Dornbusch gen Rügen / Thomas Meins

Herbststimmung auf Hiddensee: Blick vom Dornbusch gen Rügen / Thomas Meins

Hiddensee hat einen 15 Kilometer langen, unverbauten Strand. Eine herrliche Sandkiste für Familien mit kleineren Kindern. Die werden auch begeistert sein von den Pferdekutschen, die auf der Insel Busse und Autos ersetzen. Im Sommer ist Hiddensee daher auch so gut wie ausgebucht – bei nur etwa 3400 Gästebetten sind die wenigen Hotels, Pensionen und Ferienhäuser schnell ausgebucht und vor allem von Stammgästen belegt. Da die Insel klein ist und fast 70 Prozent ihrer Fläche im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft liegt, sind die Möglichkeiten für Neubauten extrem begrenzt. Baugenehmigungen werden schon deshalb zögerlich erteilt, weil es an Grundwasser mangelt.

Das Schutzgebiet Dünenheide im Zentrum der Insel / Thomas Meins

Das Schutzgebiet Dünenheide im Zentrum der Insel / Thomas Meins

Touristisches Wachstum ist auf Hiddensee nur durch Desaisonalisierung möglich – also durch Ausweitung der Saison auf das ganze Jahr. Die Natur steht schließlich ebenfalls das ganze Jahr über zur Verfügung – nur dann eben nicht zum Baden in der Ostsee, sondern zum Wandern und Radfahren. Die Wege im Inselnorden am hügeligen Dornbusch, dort, wo der berühmte Leuchtturm steht, sind kurz und von überwältigender Schönheit. Die Pfade durch die Dünenheide in der Inselmitte führen durch ein einmaliges Idyll und enden hinter Dünen und Kiefern am Strand – herrlich.

Hier wohnten schon Albert Einstein und Billy Wilder: Haus Dornbusch in Kloster / Thomas Meins

Hier wohnten schon Gustav Gründgens und Billy Wilder: Haus Dornbusch in Kloster / Thomas Meins

Aber was ist, wenn die Sonne nicht scheint, der Regen prasselt und der Sturm über die Dünen orgelt? Die Dänen etwa haben ihre Ferienhäuser nicht nur winterfest gemacht, sondern teilweise zu echten Luxushütten umgebaut, mit Whirlpool, Sauna, Pool. Bei schlechtem Wetter findet dann der Nebensaison-Urlaub eben indoor statt. Auf Hiddensee ist die Auswahl an komfortabel ausgestatteten Ferienhäusern und andern Unterkünften begrenzt. Es gibt nur ein Schwimmbad auf der Insel – im Keller des Hotels Apartment-Haus Dornbusch in Kloster. Nur ein gutes Dutzend Ferienhäuser verfügt über eine Sauna. Mit Luxus haben sie es eben nicht so auf Hiddensee, wie schon der Kurdirektor befand.

Morgens im Nationalpark: Da triffst du höchstens einen Jogger im Busch / Thomas Meins

Morgens im Nationalpark: Da triffst du höchstens einen Jogger im Busch / Thomas Meins

Ein Blick in die Gästestatistik lässt auch erahnen, dass das nicht nur am Naturschutz oder am knappen Wasser liegt. Etwa 75 Prozent der Gäste kommen aus den neuen Bundesländern und Berlin. Das dürfte zu großen Teilen eine Klientel sein, die “ihre” Insel noch aus DDR-Zeiten kennt – und vermutlich keine großen Veränderungen wünscht. Ein bisschen Ostalgie weht noch immer über die Insel: Auf der Speisekarte steht die Soljanka und nicht die Hummersuppe. Der Service im Hotel ist durchwachsen: Wollen morgens alle Gäste gleichzeitig frühstücken, bildet sich eine Schlange, weil es nicht genug Plätze gibt. Ein Bademantel für die Sauna? Kostet 5 Euro extra. Mit diesem Angebot neue Gäste, etwa aus dem Ausland, anzulocken, dürfte schwierig werden. Und nennenswerte Einnahmequellen neben dem Tourismus hat Hiddensee nicht.

Einer der letzten seiner Art: Fischer im Hafen von Vitte / Thomas Meins

Einer der letzten seiner Art: Fischer im Hafen von Vitte / Thomas Meins

Zu DDR-Zeiten arbeiteten über 100 Fischer auf der Insel. Heute sind’s nur noch 18, die auf den Bodden rausfahren, um Hering oder Zander aus dem flachen Gewässer zu holen. Ein Geschäft, das immer weniger lohnt. Nachwuchs-Fischer gibt es nicht, wenn die Männer in Rente gehen, stirbt die Fischerei auf Hiddensee aus. Auch auf Sylt gibt’s kaum noch Kutter, aber jede Menge Fisch, der clever in Restaurants und Edel-Imbissen vermarktet wird. Ein Hauch von Luxus könnte vielleicht auch Hiddensee nicht schaden. Am Hafen von Stralsund steht schon eine Gosch-Filale, bei guter Sicht am Horizont von Hiddensee aus zu erkennen.

Die Reise nach Hiddensee fand auf Einladung des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern statt.

8 commenti su “Herbst auf Hiddensee

  1. Pingback: Familienurlaub in Deutschland: Ferien auf Hiddensee | Absolut Familie

  2. Ein guter ausgewogener Artikel!
    Nur kleine Anmerkung zu einer Bildunterschrift: Albert Einstein hat n i c h t im Dornbusch gewohnt (sondern im Landhaus Mann heute Pension Inselidyll und im ehem. Landhaus Lamparski, Kloster) – hat sich, glaube ich, bewusst dem dortigen illustren Künstlertreiben in den 20er fernrgehalten. Den jungen Drehbuchautor Billy Wilder amüsierte hingegen das turbulente Künstler-Liebesleben im Hotel …

    • ich bin den Legenden nachgegangen, nach denen Einstein haeufiger oder wenigstens ein einziges Mal auf Hiddensee Ferien gemacht hat, und konnte keinen einzigen Nachweis finden. All die Daten, die mir fuer diese Aufenthalte angegeben oder die auch nur mutmasst wurden, koennen anhand von Einsteins Korrespondenz widerlegt werden. Fuer all diese Zeitraeume gibt es Nachweise fuer Einsteins Anwesenheit an anderen Orten. Dies gilt fuer praktisch jede Periode von mehr als drei oder vier Tagen in den Jahren 1919 bis Ende 1932, als er Deutschland verliess. Daran, dass Einsteins zweite Ehefrau und deren Toechter, eine davon mit Ehemann seit 1924, Hiddensee mehrfach besucht, dort auch vielleicht laengere Ferien gemacht haben, besteht kein Zweifel.- Sollte sich schliesslich doch noch ein Nachweis dafuer finden, dass Albert Einstein Hiddensee
      besucht hat, waeren wir sehr dankbar fuer eine Nachricht.
      Barbara Wolff – Albert Einstein Archives – Jerusalem barbaraw@savion.huji.ac.il

  3. lieber herr meins, meine sehnsucht nach hiddensee wird immer größer. ich bin in röbel geboren, in schwerin aufgewachsen und lebe seit über 30 jahren in berlin. ich habe vor kurzem einen roman von judith kern gelesen, tanz der kraniche. die handlung spielt in stralsund, berlin und eben ganz viel auf hiddensee. dieses buch und jetzt ihr bericht inspirieren mich so sehr, dass ich meinen urlaub, zumindest einen teil auf dieser fast unberührten insel verleben möchte. ich werde ganz tief einatmen und noch langsamer ausatmen…..und genießen. danke auch für die “fotoristischen” eindrücke. machen sie schön weiter, katharina alvarez (50)

    • Wir waren letztes Jahr ffcr einen Tagesausflug auf Hiddensee. Ehrlich gegast he4tte ich nie gedacht, dadf es einem von der dcberfahrt fcbel werden kann, so tatse4chlich passiert. Es hat sich aber gelohnt, bei fcber 30 Grad an einem Imbiss haben wir Leute aus unserem Nachbarort von daheim getroffen ja damit he4tten wir wirklich nicht gerechnet, die Welt ist schon klein!Viele GrfcdfeR. Hein

  4. Pingback: Hiddensee-Krimi: "Fischland" | Meins reist

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