Städtereise Brüssel: Die Antiquitätenviertel Sablon und die Marollen

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Brüsseler Panorama: Blick vom Mont des Arts auf die Innenstadt mit Rathausturm / Thomas Meins

Brüsseler Panorama: Blick vom Mont des Arts auf die Innenstadt mit Rathausturm / Thomas Meins

Brüssel zählt zu den Städten, die jeder kennt, aber nur wenige wirklich gesehen haben. Die belgische Hauptstadt kommt schließlich in jeder Nachrichtensendung vor. Brüssel ist Sitz der EU-Zentrale, des Nato-Hauptquartiers, Stadt des Jugendstils, der Comics und der Surrealisten, hat viele Museen, prächtige Parks und königliche Paläste. Das winzige Manneken Pis und der Große Markt in der Innenstadt sind belagert von Touristen.

Der Brüsseler Justizpalast erhebt sich über Sablon-Viertel und die Marollen / Thomas Meins

Der Brüsseler Justizpalast erhebt sich über Sablon-Viertel und die Marollen / Thomas Meins

Wenige Kilometer davon entfernt gibt’s weniger Rummel, aber kaum weniger zu sehen. Die benachbarten Stadtviertel Zavel und Marollen, oder Französisch Sablon und Marolles, wie sie die Mehrheit der Brüsseler nennt, gelten als “der Schwan und das hässliche Entlein”. Sablon ist traditionell aristokratisch und großbürgerlich und gibt sich betont schick, Marolles hat eine proletarische Geschichte und wirkt leicht ramponiert. Was beide eint, ist der Hang zu alten Sachen, zu Trödel, Tinnef und Kunstwerken, die auf Märkten und in Läden an jeder Ecke angeboten werden.

Antikhändler Arno Ostermann führt die Geschäfte in der fünften Generation / Thomas Meins

Antikhändler Arno Costermans führt die Geschäfte in der fünften Generation / Thomas Meins

Arno Costermans spricht leise und wirkt nachdenklich: “Es ist ist schwierig geworden, ein gutes Stück zu finden”, sagt der 35-jährige Juniorchef des ältesten Antiquitätenladens am Place du Grand Sablon. Der prächtige Platz, umgeben von Bürgerhäusern aus dem 17. bis 19. Jh. und einer gotischen Kirche, ist das Zentrum des Antikhandels im Sablon. Die Familie Costermans ist seit 1839 am Platz und verkauft Möbel, Gemälde und dekorative Accessoires aus dem 18. und 19. Jh. Arno Costermans zieht auf der Jagd nach historischem Nachschub durch Europa und die USA – aber Internet und Globalisierung machen sein Geschäft zunehmend schwierig. Die Konkurrenz ist schnell, der Markt begrenzt. Manchmal kauft Costermans ein Stück an, das einst sein Opa verkaufte.

Historische Lampen-Ausstellung bei Costermanns / Thomas Meins

Historische Lampen-Ausstellung bei Costermans / Thomas Meins

Der kleine Palast, den die Costermans bewohnen und als Laden nutzen, ist aber noch gut gefüllt – mit schweren Mahagonitischen, filigranen Sekretären, verspielten Spiegeln und großformatigen Ölgemälden. Wer bei Costermans kauft, braucht eine Menge Kleingeld. Ein versilberter Kerzenhalter geht für 2000 Euro weg, ein Tisch mit Granitplatte für 6000 Euro. Teuerstes Stück ist ein Gemälde von Jan Brueghel – für 400 000 Euro geht’s über den Ladentisch. In den 1960er-Jahren stand Jackie Kennedy im Laden. Sie wollte kaufen, allerdings gleich das ganze Haus. Verständlich, denn die Costermans-Residenz am Sablon ist ein Schmuckstück aus dem 18. Jh., mit großen, hohen Fenstern, einem repräsentativen Treppenhaus und edel ausstaffierten Räumen.

Der Antikmarkt auf dem Grote Zavel (Place du Grand Salon) / Thomas Meins

Der Antikmarkt auf dem Grote Zavel (Place du Grand Sablon) / Thomas Meins

Heute sitzt den Kunden das Geld nicht mehr so locker in der Tasche. Sie kommen selten und sie kaufen meist nur noch Einzelstücke. Im Sablon haben viele Händler daher längst das Handtuch geworfen. Ihre Läden machten Platz für Restaurants, Cafés und Boutiquen für Mode und Schmuck. Der Antikmarkt auf dem Platz vor der Kirche ist geblieben: Wie schon vor 60 Jahren bieten professionelle Händler ihre Ware samstags und sonntags an. Aber ihre Stände wirken doch eher wie eine Dekoration für ein Viertel, das längst vom Wohnort von Adel und Bürgertum zum Szenequartier für Besserverdiener mutiert ist. Oder wie es Patrick Mestdagh ausdrückt: “Sablon ist eine lebendige Gegend, aber kein Ort, um dort zu leben.”

Die Fassaden der Bürgerhäuser um den Zavel-Platz sind fein herausgeputzt / Thomas Meins

Die Fassaden der Bürgerhäuser um den Zavel-Platz sind fein herausgeputzt / Thomas Meins

Mestdagh betreibt eine Galerie im Viertel und ist Präsident des Sablon-Komitees, eine Interessenvertretung örtlicher Ladeninhaber. Das Komitee organisiert unter anderem einmal im Jahr die Nocturnes du Sablon. Für ein verlängertes Wochenende Ende November/Anfang Dezember verwandelt sich der allem als Parkplatz genutzte Place du Grand Sablon im Herzen des Viertels in eine Partyzone mit Champagner- und Imbissständen, Bühne und Kunstwerken. Die Läden haben bis spät in die Nacht geöffnet. So soll “Brüssels zweitschönster Platz” neues Publikum anlocken. Das kommt aber immer seltener, um Antikes zu kaufen.

Von den etwa 200 Läden im Viertel sind nur rund ein Dutzend noch Antiquitätenhändler. Das Quartier erfindet sich neu – mit Boutiquen und Edelgastronomie. Mercedes-Benz ist mit einem Showroom auch schon vor Ort, das angeschlossene Restaurant Automotive trägt seit diesem Jahr einen Michelin-Stern. Demnächst eröffnet Taschen- und Schuhdesigner Christian Louboutin eine Filiale, und ein weiterer Sternekoch schlägt seine Zelte am Sablon auf. Die Verwandlung des Viertels in eine Luxus-Shopping- und Lifestylemeile ist also in vollem Gange. Ein Störfaktor ist der Autoverkehr.

Der schöne Sablon-Platz wird durch zwei Straßen zerschnitten und ist vollgeparkt. Das mindert den großbürgerlichen Charme erheblich und stört auch das Komitee. Überall in Europa hätte die Verwaltung längst eine Fußgängerzone aus diesem touristischen Kleinod gemacht. Nicht so in Brüssel. Die Brüsseler sind Autonarren, und die Ladenbesitzer wollen, dass ihre Kunden vor der Tür parken können. Die Idee des Komitees lautet daher: Unter den Platz muss eine Tiefgarage. Mestdagh ist mit dem Plan bereits im Rathaus vorstellig geworden, aber wenn er es auch nicht so ausdrückt: Der schöne Plan könnte am lieben Geld scheitern. Denn Brüssel ist zwar ein teures Pflaster, aber eine arme Stadt.

En Trödelhändler in den Marollen: bunte Durcheinander, außen wie innen / Thomas Meins

En Trödelhändler in den Marollen: bunte Durcheinander, außen wie innen / Thomas Meins

Mit Armut kennen sich die Leute in den Marollen deutlich besser aus. Die Marollen liegen gleich neben dem Sablon, nur eine Etage tiefer. Das ehemalige Arbeiterviertel liegt in der Brüsseler Unterstadt. Im Mittelalter wurden die Leprakranken hierher verbannt, später hausten hier Gerber, Handwerker und Industriearbeiter. Mitte des 19. Jh. wurden Teile des Viertels für den monströsen Justizpalast abgerissen, viele Bewohner vertrieben. Architekt Joseph Poelaert starb noch vor Beendigung der Bauarbeiten, angeblich dem Wahnsinn verfallen. Das Wort Architekt gilt in den Marollen noch heute als Schimpfwort, an seinem Palast, über 100 Meter hoch und praktisch von jeder Straßenecke aus zu sehen, wird schon wieder gebaut. Teile des Bauwerks sollen künftig als Shoppingmall genutzt werden – dabei gibt es im Viertel keinen Mangel an Geschäften. Auch nicht der besseren Sorte.

An den  beiden Hauptstraßen des Viertels, der Blaesstraat und der Hoogstraat, haben sich edle Möbel-, Deko- und Designläden niedergelassen. Exquisites für die Wohnungen von Besserverdienern gibt es hier: elegante Ledersessel, feine Stoffe, hochwertige Bad- und Kücheneinrichtungen. Aber die Marollen sind noch nicht fest im Griff der Gentrifizierung, auch wenn es an einigen Ecken so scheint. Zwischen den Edel-Adressen tummeln sich Ramsch- und Antikläden, die überquellen vor verstaubten, abgenutzten und skurrilen Gegenständen, die meist schon bessere Tage gesehen haben. Masken und Bilder aus Afrika, Stühle aus Großmutters Wohnzimmer, Secondhand-Klamotten, altes Spielzeug, vergilbte Plakate, angestoßenes Porzellan – der Übergang zwischen Retro-Chic und Sperrmüll ist fließend.

An einigen Ständen sieht's aus wie auf dem Sperrmüll / Thomas Meins

An einigen Ständen sieht’s aus wie auf dem Sperrmüll / Thomas Meins

Der Handel mit Gebrauchtem hat Tradition in den Marollen. Seit 1873 findet tagtäglich ein riesiger Flohmarkt auf dem Vossenplein statt. Der Platz von der Größe eines Fußballfeldes ist das Herz des Viertels, er ist das proletarische Gegenstück zum Place du Grand Sablon. Bis zu 500 Händler breiten hier ihre Waren aus, ob Sommer oder Winter. Das Angebot reicht von Wohnzimmereinrichtungen aus den 60ern über Silberbestecke aus dem 19. Jh. bis  zu Comics, Büchern, Wolle, Nippesfiguren, Altkleidern, Autoreifen und ausgedienten Rohren.

Einige Händler haben sich spezialisiert – dieser auf historisches Besteck / Thomas Meins

Einige Händler haben sich spezialisiert – dieser auf historisches Besteck / Thomas Meins

Entsprechend bunt ist das Publikum, das hier stöbert und kauft. Brüsseler Bürger, Studenten, Einwanderer aus Nordafrika, höhere Töchter, arme Schlucker und Touristen fahnden hier einträchtig nach Schnäppchen. So mancher geht mit einer kompletten Einrichtung, andere bescheiden sich mit einer Lederjacke für 20 Euro oder einem Kilo Wolle für 1 Euro. Wer nichts findet, kommt eben morgen wieder. Wer nichts kaufen will, sondern nur gucken, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Das schrille Durcheinander der Waren ist ein fast surrealistisch anmutendes Gesamtkunstwerk: sauber aufgereihte Brillen neben einem Müllhaufen aus zerrissenen Büchern, Alteisen neben T-Shirts, verstaubte Champagnerflaschen neben schreiend bunten Stoffen, lauter zufällige Begegnungen, wie sie wohl nur ein Flohmarkt bietet.

Das La Brocante – eine Flohmarkt-Kneipe mit Patina / Thomas Meins

Das La Brocante – eine Flohmarkt-Kneipe mit Patina / Thomas Meins

Bier- und Wurststände sucht man auf dem Vossenplein vergeblich. Einziges Zugeständnis an durstige Händler und Käufer ist ein kleiner Champagnerstand. Dafür gibt es rund um den Platz und in den umliegenden Straßen jede Menge Kneipen und Restaurants für erschöpfte Flohmarktgänger. Einige dieser Etablissements wirken ähnlich ramponiert wie die Waren draußen auf dem Platz. Den Mangel an Chic machen sie aber locker wett durch Charme und Atmosphäre. Direkt am Vossenplein liegt etwa das Chaff, ein typisches Lokal der Maroller, wo die Einheimischen beim Kaffee plauschen, und das La Clef d’Or, das berühmt für seine Frikadellenbrötchen ist.

Deftig geht’s auch ein paar Schritte weiter im La Brocante zu. Die Einrichtung sieht aus wie auf dem Flohmarkt zusammengekauft, überall hängt oder steht Trödel herum, die Wände sind nikotinbraun und dekoriert mit Bier-Tafeln. Auf der Karte stehen so bodenständige Gerichte wie Trio Bruxellois, ein Menü aus Brot, Brueghel Kop und Kip Kap – zu Deutsch Kalbs- und Schweinskopf-Suppe und Sülze von der Schweinebacke. Zum Runterspülen gibt’s leckere belgische Bierspezialitäten wie Geuze und Kriek verschiedener Brauereien. Um die Ecke im Restobières kommt das Bier nicht nur ins Glas, sondern in den Kochtopf. Das Restaurant ist unscheinbar und schmal, die Küche hat es aber in sich. Wirt Alain Fayt hat sich auf Bier-Gerichte spezialisiert. Ob Muscheln, Fisch, Fleisch oder Eintopf – im Restobières wird alles mit Bier zubereitet: die Kalbsleber mit Kriek Girardin, das Kaninchen mit Geuze Girardin, der stoemp mit Hommelbier. Zum Dessert gibt es ein Bier-Sorbet. Dazu passt natürlich ein kühles Bier: Alain hat über 60 Sorten auf der Karte, vom Fass, auf der Flasche, ein schlichtes Blondes ebenso wie ein dunkles Stout, hochprozentiges Trappistenbier oder Brüsseler Bio-Bier aus dem Hause Cantillon.

Schwere Kost, mit der es sich leicht viele Stunden vertrödeln lässt. Vorausgesetzt, der Gast bringt ein wenig Leidenschaft für gute alte Sachen mit wie Hausmannskost und Bier-Klassiker.

Die Fakten:
Costermans, www.costermans-antiques.com, Place du Grand Sablon 5
Infos zum Sablon-Viertel: www.sablon-bruxelles.com

La Brocante, http://cafelabrocante.skyrock.com, Blaesstraat 170, Montag + Samstag 6 bis 18 Uhr, Dienstag bis Freitag und Sonntag 6 bis 19 Uhr, ab Sonntagmittag Livemusik
Restobières, www.restobieres.eu, Vossenstraat 9, Montag bis Sonntag ab 19 Uhr, Dienstag bis Sonntag Lunch ab 12 Uhr
Der Flohmarkt am Vossenplein findet täglich statt, von 8 bis ca. 15 Uhr.

Die Brüssel-Reise fand auf Einladung des Belgien Tourismus statt, www.belgien-tourismus.de.

2 commenti su “Städtereise Brüssel: Die Antiquitätenviertel Sablon und die Marollen

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